«Zwischen Gesundheitsrisiken, Datenlücken und politischer Kosmetik»
An einer Medienkonferenz (Bund will Kulturen schützen: Neue Strategie für Pflanzenschutz - News - SRF) stellte das Bundesamt für Landwirtschaft eine neue Strategie für einen «nachhaltigen Schutz der Kulturen» bis 2035 vor. Robuste Sorten sollen gezielt gefördert, biologische Bekämpfungsmethoden professionalisiert und Know-how über alternative Verfahren besser in die Praxis gebracht werden. Gleichzeitig sollen die Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel vereinfacht werden – ein Punkt, der angesichts der offenen Gesundheits- und Umweltfragen heikel ist.
Die gesundheitliche Dimension von Pestiziden hat ein Echo der Zeit-Beitrag (Pestizide in der Schweiz – machen sie auch Schweizer Bauern krank? - Wissen - SRF) näher beleuchtet. In Frankreich, Italien und Deutschland ist Parkinson bei Menschen mit langjährigem Umgang mit Pestiziden als Berufskrankheit anerkannt. Betroffene haben Anspruch auf Entschädigung. In der Schweiz zeigen Forschende wie Samuel Fuhrimann, dass grosse Langzeitstudien aus dem Ausland einen klaren Zusammenhang zwischen Pestizidexposition und erhöhtem Parkinson-Risiko finden – doch hierzulande fehlt es an eigenen, aktuellen Daten. Eine geplante Gesundheitsstudie mit Biomonitoring wurde aus Spargründen gestrichen, und gleichzeitig wird die Transparenz bei der Erfassung des Pestizideinsatzes (Digiflux) politisch verwässert. So bleibt die Schweiz auf ausländische Studien angewiesen, während Betroffene Mühe haben, ihren Krankheitsursprung überhaupt nachzuweisen.
Wie gross die Lücken im bisherigen System sind, zeigen die jüngsten Fälle in Luzern (Kanton Luzern setzt bei Pestiziden auf Dialog mit Landwirtschaft - Audio & Podcasts - SRF). Im Fluss Wyna wurden extrem hohe Konzentrationen des Insektizids Deltamethrin gemessen – bis zum 4200‑fachen des ökotoxikologischen Schwellenwerts. Deltamethrin ist auf direktzahlungsberechtigten Betrieben zwar grundsätzlich verboten, wurde aber dennoch für Rapsflächen bewilligt und gelangte so in grosser Menge ins Gewässer. Der Kanton setzt nun auf «Dialog» mit der Landwirtschaft: Beratung, Sensibilisierung und freiwillige Massnahmen sollen helfen, den Einsatz problematischer Mittel zu reduzieren. Aus Sicht von Umwelt- und Trinkwasserschutz ist klar: Solche Fälle dürfen sich nicht wiederholen – und eine Politik, die einerseits Grenzwerte verschärft, andererseits gefährliche Wirkstoffe weiterhin bewilligt, bleibt unglaubwürdig.
Parallel dazu wächst die Kritik am gesamten Zulassungs- und Bewertungssystem, wie sie in einem Tages-Anzeiger-Artikel (Pestizide Schweiz: Insider kritisiert Zulassungsverfahren) deutlich wird. Toxikologe Jürg Zarn bemängelt, dass viele Pestizide vor allem mit Tierversuchen und auf Basis veralteter toxikologischer Prüfmethoden bewertet werden, wobei Langzeit- und Kombinationswirkungen kaum berücksichtigt sind. Wenn zentrale Daten zur Anwendung aus politischen Gründen gar nicht erst erhoben oder zugänglich gemacht werden, bleiben Behörden und Politik im Blindflug – und sowohl «harmlosere» Mittel als auch hochtoxische Wirkstoffe werden falsch eingeordnet.
Die verschiedenen Debatten – um Parkinson, um verschmutzte Flüsse, um die neue Pflanzenschutzstrategie – zeigen, dass die Schweiz beim Umgang mit Pestiziden an einem Scheideweg steht. Reine Symbolpolitik reicht nicht. Es braucht erstens eine ehrliche, datengestützte Einschätzung der Gesundheitsrisiken. Zweitens braucht es eine Agrarpolitik 2030+, die robuste Sorten, Fruchtfolgen mit tiefer Pestizidabhängigkeit und konsequenten biologischen Pflanzenschutz nicht nur in Strategien erwähnt, sondern finanziell und regulatorisch klar bevorteilt. Und drittens ist ein transparentes Zulassungsverfahren nötig, das Wasserqualität, Biodiversität und die Gesundheit der Menschen mindestens so hoch gewichtet wie kurzfristige Ertragssicherung.
Nur dann ist gewährleistet, dass Bäuerinnen und Bauern nicht krank werden, weil sie unsere Lebensmittel produzieren – und dass unser Trinkwasser nicht zum Preis eines vermeintlich «funktionierenden» Pflanzenschutzes verschmutzt wird.
Weiterführende Medien-Beiträge:
Bund will Kulturen schützen: Neue Strategie für Pflanzenschutz - News - SRF
Pestizide in der Schweiz – machen sie auch Schweizer Bauern krank? - Wissen - SRF
Kanton Luzern setzt bei Pestiziden auf Dialog mit Landwirtschaft - Audio & Podcasts - SRF
Rebecca Knoth-Letsch
Geschäftsführerin
Die Landwirtschaft ermöglicht uns ein gutes Leben, indem sie Nahrungsmittel produziert. Gleichzeitig trägt sie eine grosse Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen.