Gentechnik bei Pflanzen: Die Schweiz steht am Scheideweg
Die Diskussion um Gentechnik in der Landwirtschaft ist zurück und mit ihr grundlegende Fragen zur Zukunft unseres Ernährungssystems. Worum geht es konkret? Und welche politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Fragen stehen im Raum?
Text: Rebecca Knoth-Letsch Fotos: Vision Landwirtschaft
Illustration/Collage: Iris Staudecker
Im Interview mit Roland Peter spricht Vision Landwirtschaft über den aktuellen Stand der Forschung zu neuen Züchtungstechniken wie CRISPR/Cas. Wie funktionieren diese Methoden eigentlich? Welche Erwartungen knüpft die Wissenschaft an sie – und wo bestehen noch offene Fragen?
Roland Peter leitet seit 2019 den Strategischen Forschungsbereich Pflanzenzüchtung bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für die Forschung in der Land- und Ernährungswirtschaft und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Er absolvierte sein Studium zum Ingenieur Agronom an der ETH Zürich in der Fachrichtung Agrarpflanzenwissenschaften. Darauf folgte ein PhD-Studium in Pflanzenwissenschaften, mit einer Assistenz im Bereich der Stressforschung von Mais, ebenfalls an der ETH Zürich. 2008 wechselte er zum Deutschen Pflanzenzüchtungs- und Biotechnologie-Unternehmen KWS SAAT SE & Co. KGaA in Einbeck, wo er bis 2018 in verschiedenen Funktionen in der Maiszüchtung tätig war.
Herr Peter, wenn wir hier auf die Versuchsfelder der Protected Site am Standort Reckenholz schauen: welche Feldversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen laufen derzeit hier in Reckenholz?
Es läuft ein Versuch mit Winterweizen und zwar mit einer älteren, bekannten Schweizer Sorte. Über ein neues Mutageneseverfahren sollen neue Resistenzmechanismen gefunden und damit die Pilzresistenz von Weizen gestärkt werden.
Laufen auch noch weitere Versuche?
Momentan nicht. Aber das dritte Prüfjahr eines Gerstenversuchs startet im März. (Zeigt auf den frisch geackerten Boden.) Dort soll das Saatgut ausgebracht werden. Bei diesem Versuch wird mit gezielter Mutagenese (der CRISPR/Cas Methode) ein bestimmtes Gen abgeschaltet mit dem Ziel, die Anzahl Körner pro Pflanze und damit das Ertragspotential der Gerstensorte zu erhöhen. Bei einem dritten Versuch mit Kartoffeln sind wir gerade in der Bewilligungsphase. Dort soll die Resistenz gegen Kraut- und Knollenfäule erhöht werden.
Wie wird vor Ort sichergestellt, dass diese Feldversuche sicher durchgeführt werden?
Wie Sie sehen, ist das Feld durch einen doppelten Maschendrahtzaun davor geschützt, dass Menschen unerlaubt eindringen. Das Areal ist zudem videoüberwacht. Alles Material (wie z.B. Stiefel, Schaufeln etc) bleibt immer auf dem Gelände. Jedes Gesuch wird zuvor vom BAFU geprüft und muss der sogenannten Freisetzungsverordnung genügen. Darauf basierend werden für jeden Versuch eine Reihe von Biosicherheitsmassnahmen verfügt. Zum Beispiel ist der Abstand zum nächsten Feld relevant, damit die Bestäubungsrisiken minimiert werden können.
Befürworter argumentieren, Gentechnik sei notwendig, um die Landwirtschaft an Klimawandel und neue Krankheiten anzupassen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Einfach gesagt, ermöglichen die neuen Züchtungsverfahren wie CRISPR/Cas eine höhere Präzision und gleichzeitig eine höhere Geschwindigkeit, um die Pflanzen in die gewünschte Richtung zu verändern. Die klassische Pflanzenzüchtung kann heute meist nur langsam auf neue Anforderungen reagieren und ist auf Zufall angewiesen. Die Reaktion z.B. auf neue Krankheiten und Klimawandel ist somit stark verzögert. Neue Züchtungsverfahren können dies beschleunigen und aus meiner Sicht einen wertvollen Teilbeitrag leisten. Wir müssen für dauerhafte Lösungen jedoch immer auch das Gesamtproduktionssystem einbeziehen.
In welche Richtung will man denn Pflanzen vor allem verändern?
In der Schweiz ist z.B. eine Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln ein mögliches Ziel. Immer mehr Pflanzenschutzmittel werden verboten. Darum will man die Pflanze dahin bringen, dass sie sich im Wettrüsten mit dem Pilz oder Schädling selbst schützen kann. Sie soll resistenter werden – auch gegen neue Schädlinge und Krankheiten. Ausserdem soll die Pflanze bei verschiedenen Umweltbedingungen einen möglichst stabilen Ertrag generieren. Der Ertrag muss dabei nicht unbedingt top-top sein, aber eben stabil auf gutem Niveau.
Ist man bei den Gentechnik-Versuchen in der Schweiz eigentlich ganz frei, welche Methoden angewandt werden können?
In der Forschung ja – sofern die vom BAFU verfügten Biosicherheitsmassnahmen eingehalten werden. Bei der Inverkehrbringung, also der Vermarktung von Pflanzen aus gentechnischen Methoden sieht es anders aus. Für sie gibt es in der Schweiz ein Anbauverbot durch das Gentechnik-Moratorium. Darunter fallen Gentechnikmethoden, bei denen fremde Gene aus einer anderen Art in das Erbgut einer Pflanze eingebaut werden, um ihr neue Eigenschaften zu verleihen – zum Beispiel ein Bakteriumgen in eine Maissorte (Bt-Mais), aber auch Pflanzen aus der neuen, gezielten Mutagenese (z.B. CRISPR/Cas).
Welche Risiken sehen Sie ganz allgemein bei gentechnisch veränderten Pflanzen?
Welche Risiken mit gentechnisch veränderten Pflanzen verbunden sind, hängt vor allem von den Eigenschaften der neuen Pflanze ab – nicht in erster Linie von der Methode, mit der sie gezüchtet wurde. Entscheidend ist also, welche Veränderung am Ende in der Pflanze steckt und wie sie sich im Anbau auswirkt. Deshalb müssen neue Sorten – wie auch heute schon in der klassischen Züchtung – sorgfältig geprüft werden, bevor sie zugelassen werden. Bei neuen Methoden der gezielten Mutationszüchtung wie CRISPR/Cas zeigt die Erfahrung aus der bereits erlaubten klassischen Mutationszüchtung, die seit Jahrzehnten eingesetzt wird (siehe Erklärbox), dass die Eigenschaften der daraus entstandenen Pflanzen grundsätzlich mit denen aus herkömmlicher Züchtung vergleichbar sein können.
Für mich ist es vor allem auch eine gesellschaftliche Frage: Was wollen wir am Schluss mit der Pflanzenzüchtung und deren Methoden, darunter die Gentechnik, bewirken können? Wichtig zu wissen: Pflanzenzüchtung verändert immer Gene einer Pflanze.
Ein häufig genanntes Argument gegen Gentechnik ist die wachsende Abhängigkeit von globalen Saatgut- und Agrarkonzernen. Wie beurteilen Sie dieses Risiko?
Mit Methoden wie z.B. der gezielten Mutagenese durch CRISPR/Cas ist es heute einfacher als auch schon, als kleine Forschungsgruppe bedeutende Innovationen auch durch neue Gentechnikverfahren zu erreichen. Die grossen Firmen im Markt können jedoch mit ihren Ressourcen die heute bestehenden Hürden für die Bewilligung und Patentierung leichter überwinden als die kleineren Player. Wir sollten uns darum als Gesellschaft die Frage stellen, wie wir Fortschritt und Gewinn aus der Gentechnik künftig verteilen, indem wir auch innovativen kleineren Akteuren das Meistern von regulatorischen Hürden besser ermöglichen.
Hat die Saatgutforschung in den letzten Jahren eigentlich auch, abgesehen von der Gentechnik, Erfolge erzielt?
Oh, ja. Sogar grosse! Z.B. seit vielen Jahrzehnten durch die Hybridzüchtung, welche heute in vielen Arten eingesetzt werden kann. Bei der Hybridzüchtung werden zwei genetisch unterschiedliche, reinerbige Linien gekreuzt. Die erste Generation wächst dann besonders ertragreich, robust und gleichmässig. Heute kann man ausserdem den genetischen Code einer Pflanze mit molekularbiologischen Methoden einfach ablesen, um schnell zu erkennen, welche Gene sie trägt. So können Züchter früh und gezielt die besten Pflanzen auswählen. Mit neuesten biostatistischen Verfahren kann man sogar Vorhersagen machen, z.B. wie ertragreich eine Pflanze ist.
Wenn Sie ein Fazit ziehen: Ist die Schweizer Landwirtschaft Ihrer Meinung nach trotzdem auf Gentechnik angewiesen – oder könnte sie auch ohne Gentechnik wettbewerbsfähig bleiben?
Die Schweizer Landwirte sind sehr gut ausgebildet und innovativ und nutzen neueste Technologien in ihren Geräten und Anbausystemen. Das internationale Umfeld in der Saatgutforschung wird sich so oder so weiterbewegen. Ich denke dabei etwa an Nordamerika oder China, aber auch an die EU. Wenn wir auf neue Gentechnikverfahren verzichten, verzichten wir auf eine potente Züchtungs-Toolbox – wir arbeiten mit den etablierten Züchtungsmethoden weiter. Es stellen sich jedoch über kurz oder lang neue Fragen zum Saatgutaustausch v.a. mit den Nachbarländern, dem Zugang zu neuen Sorten für die Schweizer Landwirtschaft für Arten, welche nicht in der Schweiz gezüchtet werden und weiteren Handelshemmnissen. Auch aus Sicht der Forschung wäre eine möglichst gut mit der EU harmonisierte Gesetzgebung wichtig.
Erklärbox: Gentechnik-Verfahren im Überblick
- Klassische «grüne Gentechnik» (transgene Methoden, NFP 59-Fokus)
Einer Pflanze wird ein fremdes Gen eingefügt, zum Beispiel aus einem Bakterium, damit sie sich besser gegen Schädlinge wehren kann. Dabei werden Artgrenzen überschritten. In der Schweiz ist der kommerzielle Anbau wegen des Moratoriums verboten. - Neue Züchtungstechnologien («NZT», NFP 84-Fokus)
Gezielte Mutationszüchtung, z.B. durch CRISPR/Cas9 (Gen-Editierung): Mit einer Art «Genschere» wird das Erbgut gezielt an einer vorbestimmten Stelle verändert. Meist wird kein fremdes Gen eingefügt, daher wird von gezielter Mutagenese gesprochen. So lassen sich schneller resistente Sorten entwickeln. Der Bundesrat möchte diese Methoden künftig speziell regeln. - Cisgenetik: Hier werden nur Gene aus derselben oder nah verwandten, kreuzbaren Art übertragen. Das ist schneller als herkömmliches Kreuzen (gleiches Resultat), gilt aber rechtlich ebenfalls als Gentechnik.
- Konventionelle Züchtungsmethoden
- Mutationszüchtung (klassisch): Zufällige viele Mutationen werden durch Strahlung/Chemikalien erzeugt – seit Jahrzehnten Standard, ist von den Gentechnikregelungen ausgenommen.
- Klassische Züchtung: Pflanzen werden miteinander gekreuzt und danach die besten Nachkommen ausgewählt. Man greift dabei nicht im Labor direkt ins Erbgut ein, sondern nutzt die natürliche Vielfalt bzw. die natürlich entstehenden Mutationen innerhalb einer Pflanzenart.
Im globalen Handel dominieren etwa 10–20 grosse Firmen den patentgestützten Saatgut‑ und Trait‑Bereich.
Für GVO‑Saatgut (v.a. Mais und Soja) kontrollieren Bayer und Corteva zusammen knapp 80 % der einschlägigen Patente, mit Syngenta als weiterem grossen Akteur (Quelle: Investigate Midwest).
Für Marktmacht und politischen Einfluss sind etwa ein Dutzend grosse Konzerne entscheidend, die den Grossteil der patentgeschützten Sorten und Traits kontrollieren (Quelle: Seed Companies).
Die aktuelle Rechtslage
Seit 2005 gilt in der Schweiz ein Gentech-Moratorium. Das bedeutet: Gentechnisch veränderte Pflanzen dürfen nicht angebaut und in Verkehr gebracht werden. Erlaubt sind sie nur zu Forschungszwecken unter strengen Auflagen (wie beispielsweise auf der Protected Site bei Agroscope Reckenholz, siehe Interview). Das Moratorium wurde bis Ende 2030 verlängert. Bis dahin soll entschieden werden, wie mit neuen gentechnischen Methoden künftig umgegangen wird.
Was wird derzeit diskutiert?
Lebensmittelschutz-Initiative
Eine Volksinitiative mit über 137'000 Unterschriften fordert, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel nur zugelassen werden, wenn strenge Schutz-, Haftungs- und Kennzeichnungsregeln gelten. Die Initiative wurde am 27. Februar 2026 eingereicht.
Pläne des Bundesrates
Der Bundesrat plant ein eigenes Gesetz für sogenannte «neue Züchtungstechnologien» (NZT). Pflanzen ohne artfremde Gene sollen in Zukunft unter bestimmten Bedingungen zugelassen werden können. Kritische Stimmen sehen darin eine schrittweise Lockerung des bisherigen Schutzes. Die Vernehmlassung lief bis im Sommer 2025. Die parlamentarische Beratung des Gesetzes steht noch bevor.
Aktuelle Forschung
Das NFP 84 «Innovationen in Pflanzenzüchtung» ist ein vom Schweizerischen Nationalfonds gefördertes Forschungsprogramm, das neue Züchtungstechnologien (wie im neu geplanten Gesetz des Bundesrats vorgesehen) untersucht – hinsichtlich technischer Machbarkeit, gesellschaftlicher Akzeptanz, Wirtschaftlichkeit und regulatorischer Einbettung in der Schweiz. Das Programm läuft von 2024 bis 2029.
Das NFP 59 «Nutzen und Risiken der Freisetzung genetisch veränderter Pflanzen» (2007–2012) untersuchte im Gegensatz dazu die klassische «grüne Gentechnik» mit fremdem Genmaterial (transgene Methoden). Es fand keine akuten Risiken, aber begrenzten Nutzen unter den damaligen Bedingungen und plädierte für risikobasierte Bewertung.
Chancen und Risiken[1]
Die Forschung liefert keine einfachen Antworten. Vielmehr zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen ökonomischen Chancen, ökologischen Risiken und gesellschaftlichen Erwartungen.
💸 Sozio-ökonomische Risiken
Ein zentrales Risiko ist die Abhängigkeit der Landwirte von grossen Saatgutkonzernen (wie z.B. Bayer, Corteva oder Syngenta). Viele gentechnisch veränderte Sorten sind patentiert. In gewissen Ländern (wie z. B. USA[2]) dürfen Landwirte solches Saatgut nicht selbst weitervermehren, sondern müssen es jedes Jahr neu kaufen. In der Schweiz ist hingegen ein «Landwirteprivileg» im Patentrecht verankert: Landwirte dürfen patentierte Sorten für den Eigenbedarf auf dem eigenen Betrieb weitervermehren[3]. Trotzdem darf patentiertes Saatgut nicht ohne Lizenz vermarktet oder unter Landwirten ausgetauscht werden, was die Kosten für Landwirte erhöht und die Marktmacht weniger internationaler Unternehmen stärkt. Heute beherrschen drei Konzerne rund 56 Prozent des globalen Saatgutmarktes[4].
In der kleinstrukturierten Schweiz lassen sich gentechnisch veränderte und gentechnikfreie Felder nicht vollständig trennen: Pollenflug und Vermischungen lassen sich nicht ganz vermeiden. Dadurch können sich veränderte Eigenschaften in der Natur ausbreiten, etwa wenn sich mit Kulturpflanzen kreuzbare Wildpflanzen konkurrenzstärker entwickeln und ökologische Gleichgewichte unter Druck geraten. Auch Vermischungen mit Bio- und konventionellen Kulturen sind nicht auszuschliessen. Insgesamt werden so zusätzliche Kontrollen, räumliche Abstände und Warenflusstrennung nötig, um Produkte garantiert gentechfrei zu halten – was wiederum Kosten verursacht[5].
Ausserdem stehen viele Konsumentinnen und Konsumenten der Gentechnik kritisch gegenüber. Studien des NFP 59 zeigen, dass nur rund ein Viertel der Konsumentinnen und Konsumenten bereit wäre, Lebensmittel zu kaufen, die mit Hilfe der «alten» transgenen Gentechnik hergestellt wurden (siehe Erklärbox - die Genschere CRISPR‑Cas9 wurde erst ab 2012 als Werkzeug etabliert). Jedoch sprechen sich über 80 Prozent für die Wahlfreiheit zwischen Produkten mit und ohne Gentechnik aus[6]. Das kann zu Absatzrisiken, politischen Konflikten und unsicheren Investitionsbedingungen führen.
💼 Sozio-ökonomische Chancen
Gentechnik bei Pflanzen kann wirtschaftliche Vorteile bringen. Studien zeigen, dass die Stabilität der Erträge im Durchschnitt deutlich höher sein können – insbesondere durch verbesserte Resistenz gegen Krankheiten, Schädlinge oder Trockenheit.[7] Bei der Stabilität der Erträge ist sich die Forschung nicht einig: wichtigere Faktoren sind eine vielfältige Fruchtfolge, eine gute Nährstoffversorgung der Böden und insgesamt ein gut bewirtschaftetes, intensiv versorgtes konventionelles System[8]. Diese Effekte sind gerade bei sich ändernden Klimabedingungen besonders relevant. Weniger Ernteausfälle und weniger Pflanzenschutzmittel können die Kosten senken und das Einkommen der Betriebe verbessern – obwohl das Saatgut teurer ist[9]. Auch der Arbeitsaufwand kann sinken: Die Arbeitsintensität in der Sojaproduktion in Brasilien sank von 29 auf 18 Arbeitskräfte pro 1000 ha zwischen 1996 und 2006, parallel zur Einführung gentechnisch veränderter Sojabohnen[10]. Ob sich diese Entwicklung in die kleinräumige Schweiz übertragen lässt, ist jedoch fraglich.
Unter dem Strich hängt das Einkommen der Betriebe unter stark von Agrarpolitik, Preisentwicklung und Betriebsstruktur ab. Der Einsatz von Gentechnik könnte da künftig ein zusätzlicher Faktor sein, aber nicht der allein entscheidende.
Schweizer Fachgremien[11][12][13] heben hervor, dass Forschung und Züchtung in der Schweiz nur dann langfristig wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie bei neuen Züchtungsmethoden mit internationalen Entwicklungen Schritt halten können.
Neben sozio-ökonomischen Fragen stehen auch ökologische Auswirkungen im Zentrum der Gentech-Debatte.
⚠️ Ökologische Risiken
Gentechnische Veränderungen können indirekt Bodenorganismen, Mikroben oder Insekten beeinflussen. Für neue Verfahren fehlen oft Langzeitstudien, um Auswirkungen über viele Jahre sicher zu beurteilen[14]. Trotzdem: Das Nationale Forschungsprogramm NFP 59 kommt zum Schluss[15], dass die in über 1000 Studien untersuchten gentechnisch veränderten Pflanzen keine akuten Umwelt- oder Gesundheitsrisiken gezeigt haben. Wo im Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen unerwünschte Effekte auftreten, sind diese nicht eine Folge der Gentechnik selbst. Vielmehr sind sie auf mangelhafte landwirtschaftliche Praktiken (beispielsweise Monokulturen) zurückzuführen.
Problematischer für die Ökologie könnte das Risiko sinkender Sortenvielfalt sein: Viele GV-Sorten sind patentiert und gehören wenigen Konzernen wie Syngenta oder Bayer. Landwirte müssen das Saatgut regelmässig neu kaufen, während traditionelle oder regionale Sorten verdrängt werden können[16][17]. Werden grossflächig immer gleiche Sorten angebaut, sinkt die genetische Vielfalt. Ein Faktor, der die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und Klimastress erhöhen kann.
🌿 Ökologische Chancen
Gentechnisch veränderte Pflanzen können so gezüchtet werden, dass sie sich besser gegen Schädlinge oder Krankheiten wehren. Dadurch braucht es weniger Pestizide. Studien zeigen, dass der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden deutlich sinken kann.[18] Ein weiterer Vorteil: Manche gentechnisch veränderte Pflanzen sind widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Hitze oder salzige Böden. Das wird mit dem Klimawandel immer wichtiger. Solche Sorten brauchen weniger Wasser und Dünger und können Ernteausfälle verringern[19].
Auffällig ist jedoch, dass erste kommerzielle Produkte aus neuer Gentechnik häufig konsumnahe Eigenschaften adressieren. Es werden also eher kosmetische Eingriffe im Bereich Optik und Geschmack gemacht: z.B. Bananen, die langsamer braun werden[20] oder Senf, der weniger bitter schmeckt[21]. Viele klima- oder pestizidrelevante Anwendungen befinden sich demgegenüber noch im Forschungsstadium[22].
Was haben wir gelernt?
Erstens: Gentechnik in der Landwirtschaft birgt zweifellos Potenziale – sei es durch reduzierte Pestizideinsätze, resilientere Sorten gegen Klimastress oder höhere Erträge über mehrere Jahre hinweg.
Zweitens: Der Einsatz von Genscheren und neuen Züchtungstechnologien fördert Patente auf gentechnisch verändertes Saatgut und damit neue Abhängigkeiten im Landwirtschaftssystem.
Drittens: Rund um den kommerziellen Einsatz von Gentechnik bleiben zentrale Unsicherheiten. Insbesondere Langzeiteffekte auf Ökosysteme, unbeabsichtigte Effekte einzelner Genveränderungen sowie kumulative Auswirkungen bei grossflächigem Einsatz sind erst teilweise erforscht.
Was wollen wir mit Gentechnik bezwecken?
Nach dieser Einordnung stellt sich die Frage, wie wir als Schweizer Gesellschaft mit diesen Entwicklungen umgehen wollen. Geht es uns wirklich darum, dass wir die Landwirtschaft mit Gentechnik umweltverträglicher gestalten wollen? Wollen wir die Ernährungssicherheit in unserem Land stärken? Oder geht es viel eher darum, dass wir über Gentechnik mehr Geld mit der Landwirtschaft verdienen wollen? Und falls es dies ist, wer genau profitiert von den monetären Effekten? Sind es landwirtschaftliche Betriebe, oder viel eher Saatguthersteller, multinationale Konzerne und Detailhändler? Die Art der Regulierung wird stark darüber bestimmen, wie die Antwort ausfallen wird.
Wir sollten uns aber auch fragen, wie Gentechnik im breiteren Kontext der Schweizer Landwirtschaft eingebettet sein soll. Wird Gentechnik den Weg einer industriellen Landwirtschaft mit Monokulturen weiter ebnen? Oder könnte Gentechnik vielmehr regenerative Landwirtschaft – mit Bodenaufbau, Humusbildung und ökologischen Methoden – beschleunigen? Vielleicht sollten wir biologische Landwirtschaft und Gentechnik nicht gegeneinander ausspielen, sondern gezielt kombinieren: resistente Sorten für Bio-Systeme entwickeln, die ohne Pestizide auskommen und in Mischkulturen gedeihen.
Die Haltung von Vision Landwirtschaft
Für Vision Landwirtschaft steht nicht die Technologie im Zentrum, sondern die Frage, welches Landwirtschaftssystem wir fördern wollen. Vorausgesetzt, dass wir die Langzeitrisiken sorgfältig abklären, können neue Züchtungsmethoden Chancen bieten – etwa für robustere Pflanzen, die weniger Pestizide benötigen. Und wenn solche umweltrelevante Züchtungsneuheiten mit regenerativen Anbausystemen kombiniert werden, könnte das echten Nachhaltigkeitsfortschritt bedeuten.
Gleichzeitig birgt Gentechnik über das Patentieren von Saatgutsorten das grosse Risiko Bauern in die Abhängigkeit von Saatgutkonzernen zu treiben. Forschungsergebnisse sollten darum möglichst allen zugänglich sein, damit auch kleinere Züchtungsbetriebe neue Sorten entwickeln können. So kann verhindert werden, dass wenige Konzerne den Markt dominieren.
Sollte Gentechnik in der Schweiz künftig eingesetzt werden, müssen Konsumentinnen und Konsumenten weiterhin frei entscheiden können, ob sie Lebensmittel mit oder ohne Gentechnik kaufen wollen. Dafür braucht es eine klare Deklaration der Produkte sowie eine konsequente Trennung der Warenströme zwischen gentechnikfreier und gentechnikanwendender Landwirtschaft. Neue Pflanzen sollen streng nach Risiken geprüft werden. Genau diese Schutz- und Transparenzregeln fordert die Lebensmittelschutz-Initiative – deshalb unterstützt Vision Landwirtschaft die Initiative.
Vision Landwirtschaft steht für eine diverse und unabhängige Schweizer Landwirtschaft. Entscheidend ist, dass Innovation nicht zulasten von Vielfalt, bäuerlicher Unabhängigkeit und einer nachhaltigen Landwirtschaft geht. Darum: Forschung – ja! Diskussion – ja! Vorschnelle Entscheidungen – nein!
[1] Für eine wissenschaftliche Gegenüberstellung von Pro und Contra Gentechnik bei Pflanzen siehe auch: Pro und Contra Grüne Gentechnik: Was spricht dafür, was spricht dagegen? | Open Science
[2] GMOs & Seeds — Food & Power
[5] snf.ch/SiteCollectionDocuments/Programmsynthese_NFP59_D.pdf
[6] SNF: Abschluss NFP 59 - Ergebnisse und Empfehlungen / Grüne Gentechnik in der ... | Presseportal
[7] Klümper, W., & Qaim, M. (2014). A Meta-Analysis of the Impacts of Genetically Modified Crops. PLoS ONE, 9. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0111629.
[8] Knapp, S., van der Heijden, M.G.A. A global meta-analysis of yield stability in organic and conservation agriculture. Nat Commun 9, 3632 (2018). https://doi.org/10.1038/s41467-018-05956-1
[10] Bustos, P., Caprettini, B., & Ponticelli, J. (2015). Agricultural Productivity and Structural Transformation. Evidence from Brazil. Economics of Innovation eJournal. https://doi.org/10.2139/ssrn.2405089.
[12] swiss-food.ch - Zentrale Antworten im Überblick
[15] SNF: Abschluss NFP 59 - Ergebnisse und Empfehlungen / Grüne Gentechnik in der ... | Presseportal
[16] Monopolisierung der Züchtung durch Patentansprüche auf die biologische Vielfalt – Testbiotech
[17] d-Broschure-Patente-TierePflanzen-2001_02.pdf
[18] Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen
[19] GrueneGentechnik_Bericht_D.pdf
[20] Gene-Edited Non-Browning Banana Could Cut Food Waste, Scientists Say - Slashdot
Rebecca Knoth-Letsch
Geschäftsführerin
Die Landwirtschaft ermöglicht uns ein gutes Leben, indem sie Nahrungsmittel produziert. Gleichzeitig trägt sie eine grosse Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen.