AP 2030+: Produzieren um jeden Preis?!
Die Schweizer Landwirtschaft hat einen klaren Auftrag. Und der steht nicht irgendwo im Kleingedruckten, sondern direkt in der Bundesverfassung: Sie soll produzieren – ja. Aber eben auch die Natur schützen, die Landschaft pflegen und unsere Lebensgrundlagen sichern. Das Problem: In der aktuellen Agrardebatte wird genau dieser zweite Teil gern vergessen. Die AP 2030+ gibt uns die Gelegenheit, dies wieder zu korrigieren.
Der falsche Fokus der Debatte
Wer die agrarpolitische Debatte verfolgt, bekommt schnell den Eindruck, es gehe vor allem um eines: mehr Spielraum für die Produktion, weniger Auflagen, stabile Erträge. Klingt verständlich, greift aber zu kurz. Denn die Idee der sogenannten multifunktionalen Landwirtschaft ist: Sie ist auch Dienstleisterin für die Allgemeinheit. Biodiversität, sauberes (Trink!-)Wasser, fruchtbare Böden – all das gehört genauso zum Auftrag wie Milch, Gemüse oder Fleisch. Oder anders gesagt: Diese Leistungen sind kein «nice to have», sondern essenziell.
Warum das zählt
Erstens: Wir bezahlen dafür. Jährlich fliessen 2,8 Milliarden Franken an Direktzahlungen plus weitere 900 Mio. Franken für Produktionsförderung – insgesamt 3,7 Mrd. CHF in die Landwirtschaft (Agrarbericht 2025 – Finanzielle Mittel für Direktzahlungen). Jede steuerzahlende Person gibt 420 Franken pro Jahr aus. Der grosse Teil der Direktzahlungen (über 70%) fliesst flächenbasiert ohne ambitionierte ökologische Mehrleistungen über den Mindest-ÖLN hinaus (Agrarpolitik und Direktzahlungen - Vision Landwirtschaft). Das ist nicht nachhaltig.
Zweitens: Es geht um unsere Produktionsgrundlagen. Überdüngung belastet Böden und Gewässer, Pestizide gefährden Bestäuber und Mikroorganismen. Und das ist nicht nur schade, es entstehen auch Kosten: Wasserreinigung, Ertragsverluste, Bodenschäden. Das zahlen wir alle. Was kurzfristig Erträge sichert, schwächt langfristig die Basis der Produktion.
Drittens: Die Gesellschaft ist darauf angewiesen. Trinkwasser, Hochwasserschutz, Erholungsräume – das sind Leistungen, die der Markt nicht von selbst bereitstellt, von denen wir aber alle profitieren.
Wenn kurzfristige Erträge wichtiger werden als unsere Lebensgrundlagen
Aktuell verschiebt sich der Fokus. Umweltziele geraten unter Druck, während Produktionsinteressen dominieren. Vorschläge für wirksame Lenkungsabgaben – etwa bei Pestiziden oder Kraftfutter – werden abgeschwächt oder ganz beerdigt. Trotz klarer Einschränkungen im ökologischen Leistungsnachweis werden immer wieder Sonderbewilligungen für hochproblematische Pestizide erteilt. So kommen selbst hochtoxische Wirkstoffe erneut zum Einsatz, weil kurzfristige Ernteverluste verhindert werden sollen. Ausserdem sollen Pestizide künftig schneller zugelassen werden sollen, wenn sie bereits in EU-Nachbarländern genehmigt sind. Das senkt Hürden für potenziell problematische Stoffe.
Die AP 2030+ als Richtungsentscheidung
Im Herbst startet die Vernehmlassung der Agrarpolitik 2030+. Das ist die Gelegenheit den Verfassungsauftrag wieder ernst nehmen und aufhören so zu tun, als wäre er optional. Vision Landwirtschaft fordert darum weniger Anreize für Intensivierung, sondern vielmehr eine Fokussierung auf eine Landwirtschaft, die auch zukünftig produzieren kann, da ihre Grundlagen erhalten bleiben. Konkrete Beispiele:
- Digiflux endlich (konsequent!) einführen.
- Mut haben für Lenkungsabgaben, die etwas bringen und administrativ entlasten.
- Biodiversitätsprämien für besonders wertvolle Lebensräume ausrichten (anstatt generisch).
- Weg mit Anreizen für höhere Tierbestände, als die Schweiz mit eigenen Wiesen und Weiden ernähren kann.
Denn am Ende ist die Sache eigentlich simpel: Die Schweizer Landwirtschaft soll nicht möglichst viel produzieren. Sie soll so produzieren, dass sie eine Zukunft hat.
Medienbeiträge:
Vorschläge des Bundesrates zur AP 2030+ und Reaktionen darauf:
- Agrarpolitik 2030+: Mehr Handlungsspielraum für die Landwirtschaft
- Der SBV sieht bei der AP 30+ «ein völliges No-Go», Tier- und Umweltschutz gehen auf die Barrikaden - bauernzeitung.ch | BauernZeitung
- Agrarpolitik 2030 - Bundesrat will mehr Handlungsspielraum für die Landwirtschaft - News - SRF
- Agrarpolitik 2030: Bundesrat reagiert auf Bauernproteste
Sonderbewilligungen für hochproblematische Pestizide
- Bauern spritzen auf tausende Felder verbotene Pestizide
- Departement Rösti: Kein Grenzwert für hochgiftiges Insektizid - News - SRF
- Grenzwerte-Streit im Nationalrat - Der Schweizer Bauer
Schnellere Zulassung Pestizide
Rebecca Knoth-Letsch
Geschäftsführerin
Die Landwirtschaft ermöglicht uns ein gutes Leben, indem sie Nahrungsmittel produziert. Gleichzeitig trägt sie eine grosse Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen.